Valentina Bobb

Valentina Bobb ist die Pflegedienstleiterin im Pflegedienst Lesta Rheinland Pfalz in Gensingen.

 

Frau Bobb, wie verlief Ihr beruflicher Werdegang, bevor Sie in die Pflege gegangen sind?
Ich habe in Kasachstan gelebt. Wir kamen 1999 nach Deutschland – als Spätaussiedler. Im Mai ist das genau 17 Jahre her.

Was haben Sie in Kasachstan gelernt?
Ich habe in einer Schuhfabrik gearbeitet und parallel ein Fernstudium an der  Fachhochschule für Lederwarentechnologie absolviert.

Und was haben Sie gemacht, als Sie nach Deutschland kamen?
Nun, zunächst habe ich eine Sprachschule besucht und sechs Monate Deutsch gelernt. Danach war ich als Reinigungskraft tätig.
Ich las dann im Jahr 2000 zufällig in einer Tageszeitung, dass aushilfsweise Reinigungskräfte in einem Altenpflegeheim gesucht wurden. Das war faktisch der Beginn für meine Tätigkeit in der Pflege.

Wie ging es weiter?
Mein jüngster Sohn ging damals noch in den Kíndergarten.
Eines Tages las ich dort eine Anzeige, in der eine Haushaltshelferin für eine Arztfamilie gesucht wurde.
Ich habe mich dort vorgestellt. Es fiel mir sehr schwer, deutsch zu sprechen. Ich war mir sicher: Die Familie wird mich nicht einstellen. Aber es kam anders.
Zwei Tage nach dem Vorstellungsgespräch bekam ich eine Zusage für eine Anstellung. Ich war dort zwei Jahre tätig. Die Familie Scheuer hat mir sehr dabei geholfen, Deutsch zu lernen. Besonders Frau Scheuer fragte mich oft etwas und so musste ich einfach darauf eine Antwort finden und auch sprechen. Das war ein gutes Training.

Was war die Initialzündung dafür, in die Pflege zu gehen?
Da gibt es ein Erlebnis, dass für mich ein wichtiges Motiv war: Wir kamen im Mai 1999 in Deutschland an und im Oktober verstarb meine Mutter in Kasachstan. Sie hätte sicher noch länger leben können, wenn sie die richtige Pflege und Betreuung bekommen hätte und natürlich auch die nötigen Medikamente.
Damals habe ich mir geschworen, Menschen in ähnlichen Situationen zu helfen. Das war sozusagen der auslösende Gedanke dafür, in die Pflege zu gehen.
Und noch ein Umstand hat dazu beigetragen: In der Arztfamilie war ein 90 – jähriger Opa zu pflegen. Das hat mich mitgeprägt, weil ich gesehen und erlebt habe, wie wichtig gute Pflege und Betreuung sein kann.

Wie ging es weiter bei Ihnen?
Während meiner zweijährigen Tätigkeit in der Arztfamilie habe ich außerdem noch eine Hauswirtschaftsschule besucht.
Ich konnte so weiter meine Sprachkenntnisse vertiefen und lernte professionell kochen und andere wichtige Dinge in der hauswirtschaftlichen Versorgung. Die Schule habe ich mit der Note „sehr gut“ abgeschlossen.
Danach bin ich zum Arbeitsamt gegangen und habe gefragt, ob ich eine Schule für Altenpflege besuchen kann. Das Arbeitsamt hat mich zunächst zu einem sogenannten Idiotentest geschickt und überprüfen lassen, ob ich überhaupt dafür geeignet bin.
Eine Woche später kam das Ergebnis des Testes und das Arbeitsamt erteilte mir die Bewilligung, eine Altenpflegeschule zu besuchen. 
Bei der Bewerbung hat mir wieder Frau Scheuer geholfen. Aber ich bekam erst einmal eine ganze Reihe von Absagen.

Woran lag das Ihrer Meinung nach?
Ich glaube, weil meine Sprachkenntnisse in  Deutsch immer noch nicht so gut waren. Schließlich hat mich eine Altenpflegeschule in Simmern aufgenommen.

Und wie haben Sie abgeschlossen?
Mit der Note 1,0. Darauf war ich sehr stolz. Aber ich bekam trotzdem eine ganze Reihe von Absagen, bevor ich schließlich beim Ambulanten Pflegedienst Christine Wolf in Pfaffen-Schwabenheim anfangen konnte. Dort habe ich als examinierte Altenpflegerin 9 Jahre gearbeitet.

Haben Sie sich in der Zeit noch weiterqualifiziert?
Ja. Frau Wolf machte mich zu ihrer Stellvertreterin. Ich war für die Planung und den Einsatz der Mitarbeiter verantwortlich. Dazu musste ich vorher lernen, wie man mit dem Computer umgeht.

Und geschafft?
Natürlich. Aber mit vielen Hindernissen. Da ich schon älter war, bin ich einfach in einen Computerkurs für Senioren gegangen. Wenn ich heute zurückdenke, dann muss ich sagen: Ich habe von Christine Wolf sehr viel gelernt. Sie hat mir vieles beigebracht, gezeigt und immer wieder erklärt.

Wie ging es weiter?
Anschließend hat mich Christine Wolf zum Lehrgang für Pflegedienstleitungen nach Wiesbaden geschickt. Das war im Jahr 2010.
Ich habe dort mit der Note 3 abgeschlossen.

Wie kommt das?
Es waren wieder mal die Sprachkenntnisse, die mich daran hinderten, noch besser abzuschneiden. Aber ich habe dem Leiter der Schule gesagt: Für mich ist die Note drei wie eine eins.

Warum sind Sie eigentlich nicht bei Frau Wolf geblieben?
Na ja – Ich war dann ein bisschen reifer geworden, wollte mich noch woanders ausprobieren.
Meine Idee war es zunächst, nur noch Nachtwachen in einem Altenpflegeheim zu machen. So konnte ich mich dann auch mehr um meine Familie kümmern.

Aber es kam anders, oder?
Zu dem Zeitpunkt traf ich auf den Arzt Levin – meinen heutigen Arbeitgeber.
Er hatte gerade einen ambulanten Pflegedienst in Bad Kreuznach eröffnet und wollte mich gern als PDL haben. Hinzukam, dass meine Familie auf mich einredete, nicht nur Nachtwachen zu machen.
Einer meiner Söhne sagte mir damals: Mama, wenn du nur noch diese eine Aufgabe erledigst, dann verlierst du nach und nach deine Qualifikation.
Vor allem mein Mann wollte, dass ich weiter als Pflegedienstleitung arbeite.
Also entschloss ich mich, im Pflegedienst Lesta anzufangen. Das war am 17. Juli 2014.
Im Februar des gleichen Jahres wurde der Pflegedienst überhaupt erst eröffnet. Die Gründerin war Maria Kusnenkowa. Sie hat einen großen Anteil daran, dass ich zu Levin gegangen bin.
Sie arbeitet heute nicht mehr bei uns.
Ein Schwerpunkt war, Russlanddeutschen zu helfen. Viele von ihnen konnten sich nicht so gut verständigen und so war das eine sehr wichtige Aufgabe für mich.

Mit wie viel Patienten haben Sie angefangen?
Zuerst hatten wir gar keinen Patienten. Wir haben uns bei Ärzten vorgestellt, in Pflegestützpunkten Gespräche geführt und Flyer verteilt.
Allmählich kamen die Patienten zu uns. Heute betreuen wir ca. 60 Patienten mit 45 Mitarbeitern, viele in der 1:1 Betreuung.
Eine wichtige Kernkompetenz, die sich in diesem Zusammenhang entwickelte, war die außerklinische Intensiv- und Beatmungspflege.
Wir hatten anfangs einen einzigen Patienten in der Intensivpflege.
Die Angehörigen wechselten über zehnmal den Pflegedienst, bevor sie uns kamen. Das war nicht einfach. Aber wir sind drangeblieben und nicht weggelaufen. Wir betreuen die Patientin heute noch.
Was ist Ihnen am leichtesten gefallen und wo hatten Sie Schwierigkeiten, hineinzuwachsen?
Die Sprache – sie fiel mir am schwersten. Es war eine unendliche Mühe, sie zu erlernen. Mir haben aber auch auf dem Weg die Zufälle geholfen.

Zum Beispiel?
Als ich im Altenpflegeheim gearbeitet habe, da sprachen mich die Bewohner an, fragten mich etwas, wenn ich sie auf dem Flur traf.
Ich antwortete und war erstaunt, dass Sie mich verstanden.
Das war ein großes Glücksgefühl für mich.
Leicht ist mir der Kontakt zu den Patienten gefallen. Ich habe von Anfang mein Herz sprechen lassen und die Pflegebedürftigen haben das gespürt.
Ich fahre heute noch mit raus und erlebe immer wieder, wie schön es ist, dankbare Augen von Patienten zu sehen.

Was macht Ihrer Meinung nach ein starkes Team aus?
Zunächst: Mein Arbeitgeber hat mir von Anfang an Vertrauen geschenkt. Das gab einen starken Rückhalt für uns und motivierte das gesamte Team.
Wir haben hochqualifizierte Mitarbeiter in der außerklinischen Intensiv- und Beatmungspflege. Sie sind aber nicht nur fachlich gut. Wir halten zusammen und diskutieren viel, wie wir den Patienten noch besser helfen können.

Was ist für Sie persönlich Glück?
Ich bin ein sehr glücklicher Mensch. Für mich ist es ein  wahres Glück, hier in Deutschland zu arbeiten, in der Pflege und Betreuung anderen Menschen zu helfen, ihnen täglich ein Stück der Lebensqualität zu erhalten.
Ich habe sehr viele engagierte und herzliche Menschen kennengelernt – die Familie Scheuer, Christine Wolf und meine Mitarbeiter im Pflegedienst.
Und ich darf meine Familie nicht vergessen.
Mein Mann Leonid ist Maschinenbauingenieur. Als wir nach Deutschland kamen, hat er seine Karriere zurückgestellt und mich unterstützt.
Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Heute arbeitet er mit mir zusammen. Er ist für den Fahrdienst zuständig und auch Hausmeister.
Außerdem: Er übersetzt viel, wenn die Patienten etwas nicht verstehen.
Ich bin sehr stolz auf meine Söhne. Dennis, der Jüngste, geht in eine Berufsschule. Dimitri ist Maschinenbauingenieur und arbeitet bei VW.
Viktor ist Bauingenieur bei der August Dohrmann GmbH
Ich bin sehr glücklich – mit meinem Beruf, meinen Mitarbeitern, meinem Mann, meinen Kindern und Enkelkindern.

Frau Bobb, vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview erfolgte am 24/03/2016

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