Irmgard Buss

Irmgard Buss ist die Inhaberin und Geschäftsführerin der Tagespflege Lebensfreude GmbH in Fernwald-Annerod

 

Frau Buss, warum ist Ihnen im Bereich der Pflege und Betreuung  die  „Tagespflege“ so wichtig?
Ein wichtiger Grund ist die wachsende Zahl von Menschen, die jährlich an einer der Formen von Demenz erkranken. Sie brauchen professionelle Betreuung und den geselligen Umgang mit anderen Senioren, oft eben auch Gleichgesinnten. Manch einer der Senioren würde zu Hause vereinsamen, wenn es uns nicht gäbe. Und wir können natürlich viel zur Entlastung pflegender Angehöriger beitragen.

Was macht den Umgang mit den Tagesgästen so besonders?
Die Menschen hier sind noch relativ fit, sie können sich meist noch gut bewegen. Ich motiviere gern Menschen, habe Spaß mit ihnen zusammen.
Zu meinen Gästen habe ich einen sehr persönlichen Kontakt. Die Tagespflege soll nicht viel mehr Gäste betreuen.
Die Qualität würde darunter leiden.

Was bringen Sie mit, was macht Sie besonders, wenn es um die Betreuung Ihrer Tagesgäste geht?
Was mich ausmacht, das können sicher die Angehörigen und die Gäste besser sagen.  Ich rede da nicht so gern drüber.
Aber: Mir macht die Arbeit wirklich unendlichen Spaß. Und ich glaube auch, dass man sehr viel lernen kann. Nahezu alles. Aber eines nicht. Nämlich die echte Zuneigung für die Gäste – die Tatsache, dass man eine Atmosphäre kreiert, die familiär ist, in der meine Mitarbeiter und ich herzlich und mit viel Spaß agieren. Und das ist entscheidend. Manch einem Tagesgast fällt es schwer, die Dinge rational zu betrachten. Aber eines verlernt keiner: vom Herzen her Menschen wahrnehmen, Glücksgefühle zu entwickeln. Das macht das Besondere aus. Dem stellen wir uns jeden Tag wieder. Und dazu müssen wir uns nicht überwinden. Im Gegenteil. Das ist ein wichtiger Teil des Lebens der Gäste und auch unseres Lebens.

Angehörige wissen oft nicht, was zu tun ist. Sie schwanken, ob der Ehemann oder zum Beispiel die Mutter tatsächlich an Demenz leiden.
Was raten Sie ihnen?
Zunächst: Ich habe als ausgebildete Pflegeberaterin über die Jahre recht viele Erfahrungen in diesem Bereich sammeln können. Die Abläufe ähneln sich. Man sollte immer erst einmal den Hausarzt aufsuchen. Anschließend einen Facharzt für Neurologie.
Hat man Klarheit, ist es wichtig, die Pflegestufe zu beantragen. Die Menschen sind am Anfang recht hilflos. Die Angehörigen wollen sich ungern in eine persönliche und eben auch intime Situation hineinschauen – und reden lassen. Auf der anderen Seite: Der Betroffene merkt vielleicht bereits, dass er dement wird. Ein Schamgefühl tritt ein – er möchte sich am liebsten verstecken. Am Schluss geht es nicht ohne Hilfe.

Können Sie mal einen konkreten Fall schildern?
Vor kurzem kam eine Frau zu mir. Ihr Mann begleitete sie. Er war schwer dement. Ich habe beiden erst einmal die Einrichtung gezeigt. Der Ehemann ist bei der Gruppe geblieben und hat die Lieder mitgesungen. Die Frau saß dann bei mir allein. Zuerst war sie ziemlich zurückhaltend.
Ich habe sie nach den persönlichen Daten gefragt, zum Beispiel nach dem Geburtsdatum ihres Mannes. Da brach es aus ihr heraus. Die Tränen flossen. „Ich kann meinen Mann nicht mehr allein lassen. Ich schlafe keine Nacht durch. Für mich habe ich gar keine Zeit mehr“, sagte sie. Ich habe ihr dann angeboten, dass ihr Mann es mal mit einem sogenannten Schnuppertag versucht.

Wie hat eigentlich alles angefangen?
Zunächst: Ich bin im Münsterland groß geworden. 1990  bin ich nach Hessen umgezogen.

Wie ging es weiter?
Ich musste ja nun durch den Ortswechsel eine neue Arbeit finden. Und da bin ich in ein Pflegeheim gegangen. Das war 1991.

Warum ein Pflegeheim?
Die Arbeit mit alten Menschen lag mir von Anfang an. Ich habe meine Mutter gepflegt – und die sagte stets: „Du machst das schön mit alten Leuten.“ Ich habe im Pflegeheim als Pflegehilfskraft für 450, 00 Euro gearbeitet. Gleichzeitig war ich noch in privaten Haushalten tätig. Ebenfalls auf 450,00 Euro Basis.
Danach bekam ich eine Vollzeitstelle im Pflegeheim Pohlheim und habe dort 10 Jahre gearbeitet.
Später habe ich eine Ausbildung zur examinierten Altenpflegerin begonnen. In der Zeit bin ich zum AWO- Pflegeheim gewechselt. Dort hatte ich die Möglichkeit, einen größeren Einblick in die Pflegeabläufe zu bekommen.
Ab 2006 war ich als Pflegefachkraft und Wohnbereichsleiterin im Pflegeheim tätig. Anschließend war ich im ambulanten Pflegedienst bei der AWO – bis 2009.

Wie sind Sie zur Tagespflege gekommen?
Ich bin vom ambulanten Pflegedienst in eine Tagespflegeeinrichtung der AWO gewechselt. Dort habe ich bis zum Jahr 2011 gearbeitet und viele Erfahrungen gesammelt.

Wann haben Sie dann Ihre eigene Tagespflege eröffnet?
Im Dezember 2013. Zunächst habe ich allein angefangen.
Ich habe eine Frau abgeholt, sie tagsüber betreut und sie abends wieder nach Hause gefahren – an zwei Tagen: Montags und Mittwochs. Ende Februar kam ein dritter Tag hinzu. In dieser Zeit habe ich einen Mitarbeiter für den Fahrdienst eingestellt. Ab März haben wir dann täglich geöffnet und es kam eine Mitarbeiterin hinzu.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie den Eindruck hatten, dass es „läuft“?
Der große Aufbruch begann im Mai. Jetzt kamen jeden Tag Anfragen.  Inzwischen waren wir drei Mitarbeiter und 12 Gäste.
Meine Aktivitäten waren erfolgreich. Ich hatte mich bei Hausärzten vorgestellt, in Beratungsstellen. Und es sprach sich unter den Angehörigen herum. Ab den 01. Juli 2015 hatten wir dann 16 Gäste. Heute sind es mit mir zusammen 7 Mitarbeiter: 2 Mitarbeiter vom Fahrdienst, eine Betreuungsassistentin, zwei Hilfskräfte für hauswirtschaftliche Arbeiten und eine examinierte Altenpflegerin, die gleichzeitig meine Stellvertreterin ist.

Sie haben von 2011 bis 2013 auf eigenen Wunsch und eigene Kosten eine Ausbildung zur Heimleiterin absolviert. Warum haben Sie das auf sich aufgenommen?
Sie haben Recht: Das war sehr anstrengend. Ich musste nach Feierabend nach Frankfurt/Main fahren. Die Kosten beliefen sich letztlich auf ca. 6000 Euro. Also eine sehr schwierige Zeit für mich.

Haben Sie es bereut?
Nein. Im Gegenteil. So konnte ich meinen Horizont auch in theoretischer Hinsicht erweitern und die Kenntnisse mit meinen praktischen Erfahrungen abgleichen.

Würden Sie den gleichen Entschluss noch einmal fassen?
Ja, im Prinzip schon. Müsste ich mich heute noch mal entscheiden, dann würde ich den gleichen grundsätzlichen Entschluss treffen.
Es hat sich gelohnt – trotz der Existenzangst am Anfang. Ich habe ja mein gesamtes Erspartes eingesetzt und zusätzlich einen Kredit aufgenommen. Aber: Ich habe es nicht bereut.
Es macht mir heute viel Spaß in meiner Tagespflege Gäste zu betreuen. Ich habe Mitarbeiter, die sehr liebevoll mit den Tagesgästen umgehen und ich habe Gäste, die strahlen, wenn sie nach Hause gehen. Und das macht für mich Glück aus: gesund bleiben, aktiv sein, so lange als möglich im Beruf arbeiten.

Frau Buss, vielen Dank für das Interview

 

Das Interview erfolgte am 09/02/2016

Tagespflege Lebensfreude GmbH
Industriestr. 5
35463 Fernwald-Annerod
Telefon: 0641-948 312  94
Telefax: 0641 -948-312 96
E-Mail: buss-irmgard@t-online.de
www.tagespflege-lebensfreude.jimdo.com