Heike Pekrul

Heike Pekrul ist die Inhaberin der Tagespflege Pekrul in Wittenburg.

 

Frau Pekrul, wie verlief Ihr beruflicher Werdegang vor der Gründung des Pflegedienstes?
Von 1981 bis 1984 habe ich die Medizinische Fachschule Dr. Georg Benjamin in Berlin – Buch besucht.

Warum  so weit weg von Zuhause?
Das stimmt schon. Denn: Ich wohnte ja in Hagenow. Dort hatte ich aber nicht die Möglichkeit, eine Ausbildung als Krankenschwester zu machen. Aber in Berlin wurden junge Krankenschwestern gesucht für die Psychiatrie. 
Also ging ich nach Berlin. Da war ich 16 Jahre alt.
Ich habe meine praktische Ausbildung als Krankenschwester im Krankenhaus  Berlin-Friedrichshain absolviert. Dort gab es auch eine zentrale Rettungsstation. Das war schon eine tolle Ausbildung.
In der Zeit des Praktikums arbeitete ich zum Beispiel im Fachkrankenhaus für Neurologie und Psychiatrie in Berlin-Lichtenberg. 
Ich erlebte damals mit, wie sich die Psychiatrie langsam öffnete und es nicht nur um das Wegschließen der Patienten ging, sondern stärker darum, sie vernünftig zu behandeln.
 Das Erstaunlichste: Behinderte junge Menschen, die vorher noch festgekettet waren, saßen durch die neuen und moderneren Behandlungsmethoden plötzlich am Tisch und aßen zusammen.
 Das war für mich schon eine beeindruckende Zeit, zu erleben, wie aus der schlimmsten Verwahrpsychiatrie offene Einrichtungen wurden. 
Aus „Tür zu“ wurde nun „Tür offen“.
Insgesamt habe ich 15 Jahre im Jugendbereich der Psychiatrie gearbeitet. Das hat mich schon sehr geprägt- vor allem mitzuerleben, wie die Vorreiter und Vordenker in der Psychiatrie immer offener mit den Patienten umgingen, und nicht mehr nur über die Verwahrung nachgedacht wurde.

Was war die Initialzündung dafür als selbstständige Unternehmerin in die Pflege zu gehen?
1994 wurde unser zweiter Sohn geboren. Nachdem ich eine Zeit lang Zuhause war, interessierte ich mich für neue Herausforderungen.
Zu dieser Zeit wurden in Berlin Wohngemeinschaften gegründet, in denen demente Menschen leben sollten.
Ein Verein von Freunden für alte Menschen hatte das initiiert. 
Doch die Pflegekassen wollten dafür kein Geld zahlen.
Deshalb  wurden in Eigeninitiative Pflegekräfte engagiert, die eine entsprechende Betreuung der Senioren übernahmen. Ich habe das Ganze verfolgt und bin auch zu den Informationsveranstaltungen des Vereins gegangen.
1995 sind wir mit unserer Familie nach Wittenburg zurückgezogen.
Mein Mann stammt ja von hier und ich ebenfalls.
 Zunächst habe ich von 1999 bis März 2008 im Pflegeheim Schaalsee, Residenz Zarrentin gearbeitet. Das hat mir sehr viel Freude bereitet.

Was hat Ihnen dort so gefallen?
Es waren nicht mehr die Heime, in denen die Leute nur aufbewahrt wurden. Also nicht nur: sauber, satt und trocken.
Sondern, die Menschen in dem Heim gehörten der Generation an, die nach dem Krieg alles aufgebaut haben. Und deshalb war es wichtig, dass man ihnen wertschätzend begegnete.
Ich lernte zum Beispiel die aktivierende Pflege kennen. Das war sehr spannend, wie unter anderem der Aufbau von sogenannten Sinnesgärten.
Später begann ich mich wieder für neue Herausforderungen zu interessieren: Ich qualifizierte mich 2005 zur Pflegedienstleitung. 
Das war schon mal eine gute Vorbereitung auf die Selbstständigkeit.
Dann hörte ich von zwei mutigen Krankenschwestern, die in Hagenow eine Tagespflege eröffneten. Das war so ein Impuls zu überlegen, ob das nicht auch etwas für mich wäre.
 Von April 2008 bis August 2009 war ich aber noch Gutachterin beim Medizinischen Dienst. Ich war eine von zehn Gutachtern und schon ein bisschen stolz darauf.
 Doch in mir nagte es immer noch: Ich wollte mein eigenes Unternehmen aufbauen.
Zunächst ging ich aus dem gesicherten öffentlichen Dienst nach Boizenburg und habe in der Festanstellung als Pflegedienstleitung eine Tagespflege mit aufgebaut.

Wann war das?
Von September 2009 bis März 2011.
 Das war auch eine wichtige Zeit in Vorbereitung auf mein Vorhaben. Schließlich habe ich im Oktober 2011 mein eigenes Unternehmen gegründet.
Was ist Ihnen am Anfang leicht gefallen und wo hatten Sie Schwierigkeiten, hineinzuwachsen?
Ich hatte ja schon sehr viele Erfahrungen sammeln können – im Pflegeheim und während meiner Tätigkeit in der Pflegeeinrichtung in Boizenburg. 
Natürlich wusste ich so manches am Anfang nicht.
Zum Beispiel: Wie führt man man eine Tagespflege als solitäre Einrichtung?
 Es gab noch keine Lehrgänge darüber, wie die Dokumentation zu führen war, was alles zu einer ordnungsgemäßen kaufmännischen Abwicklung gehörte.
Letztlich war mir wichtig, dass ich einen guten Draht zu den Tagesgästen hatte und zu ihren Angehörigen.
 Nur ein Beispiel: Hier wird auch umarmt; wenn jemand Geburtstag hat oder vielleicht einen Verlust erlitten hat.
 Das ist uns ganz wichtig, dieses familiäre Verhältnis zu haben. Ich glaube, das kann man nur bedingt lernen. 
Man muss es einfach spüren, es gern tun wollen.

Was macht Ihrer Meinung nach ein starkes Team aus?
Wir sind ein kleine Tagespflege. Deshalb ist es wichtig, dass jeder alles kann – quasi ein Allrounder ist. 
Jeder hat auch seinen eigenen Charakter. Wir denken uns also in den anderen Menschen hinein, versuchen zu verstehen, warum er sich in einer bestimmten Situation gerade so verhält. 
Der humorvolle Umgang ist wichtig. So wie wir uns untereinander verhalten, so gehen wir auch mit den Tagesgästen um. Einfach das Positive mit vorleben – das ist wichtig. Ich sage immer: Der Fisch fängt vom Kopf her an zu stinken. Und deshalb achte ich sehr darauf, selbst ein Vorbild zu sein.
Sich bei den Mitarbeitern zu bedanken gehört dazu – einfach danke sagen dafür, dass sie Tag um Tag da sind und ihre Arbeit mit Freude tun. Mein Team soll wissen, wer ich bin, wie ich mich verhalte. Ich finde, nichts ist schlimmer, als dass der Chef nicht eingeschätzt werden kann. 
Noch einmal zum Humor: Wenn der Fahrer schon morgens gute Laune beim Abholen der Gäste verbreitet und das Gleiche abends der Fall ist – dann hat jeder ein gutes Gefühl, das sich fortsetzt. Es kommt auf jedes einzelne Teammitglied an – vom Fahrer bis zum Chef.

Was macht für Sie individuelle Pflege aus?
Wenn die Gäste morgens reinkommen, dann sehe ich schon, dass es jemandem eventuell nicht so gut geht. Und derjenige benötigt mehr Zuwendung oder möchte sich lieber zurückziehen und an keinen Aktivitäten teilnehmen – das alles im Blick zu haben macht individuelle Pflege aus. 
Es ist wichtig, eine Routine zu haben und immer genügend Sensibilität für jeden Tagesgast in verschiedenen Situationen zu entwickeln. Die Menschen werden schneller gesund und fühlen sich wohl, wenn die Atmosphäre stimmt – von der Einrichtung bis hin zur persönlichen Ansprache. 
Mitunter möchten die Gäste, dass wir sie duzen. Wir tun das, auch wenn wir es mit einem Menschen zu tun haben, der viel älter ist als wir selbst. Das ist ja ein Ausdruck, dass die Tagesgäste sich bei uns aufgehoben fühlen und uns ihr Vertrauen schenken. 
Letztendlich halte ich mir stets vor Augen, wie ich selbst behandelt und angesprochen werden möchte, wenn ich einmal pflegebedürftig sein sollte.

Was sind Ihre weiteren Vorhaben?
Ich bin jemand, der immer wieder neue Herausforderungen sucht.
 Wir sind gegenwärtig in der Konzeptionsphase für eine Pflegewohnung. Sie soll für die Urlaubs- und Verhinderungspflege von Pflege- und Hilfsbedürftigen genutzt werden. Das wollen wir in Kooperation mit einem Pflegedienst organisieren. In einem nächsten Schritt wollen wir das mit der Pflegekasse besprechen.

Was ist für Sie persönlich Glück?
Glücklich bin ich dann, wenn alle gesund sind – mein Mann, meine Söhne und ich selbst. Mein Mann ist bei uns der Fels in der Brandung. Er ist der ruhigere Part, zieht mich mitunter wieder auf den Boden zurück. Doch wenn wir etwas angehen, dann steht er voll hinter mir. 
Ich habe meine Berufung gefunden – das macht mich glücklich. Man bekommt so viel an positiver Energie zurück. Ich wollte schon in der zehnten Klasse Krankenschwester werden. Wir hatten eine behinderte Nichte. Dadurch bin ich früh damit in Berührung gekommen, wieviel Gutes man einem Menschen tun kann.
Mein jüngster Sohn möchte ebenfalls Krankenpfleger werden. Er beginnt seine Ausbildung im September dieses Jahres und soll dies alles hier mal weiterführen.

Frau Pekrul, vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview erfolgte am 02/05/2016

Tagespflege Pekrul
Große Strasse 79
19243 Wittenburg

Telefon: 038852 – 23 50  57
Telefax: 0388 52 – 23 50 58

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