Doris Inan

Doris Inan ist die Geschäftsführerin des Ambulanten Pflegedienstes Dienst am Menschen in Kassel.

 

Frau Inan, wie verlief Ihr beruflicher Werdegang bis zur Gründung Ihres eigenen Pflegedienstes?
Meine Altenpflegeausbildung fand in der Zeit von 1992 bis 1994 statt.
Vorher habe ich als Aushilfe in einem Altenheim gearbeitet.
Also haben Sie den Beruf von der Pike auf kennengelernt?
So kann man das sagen.

Wo war die Ausbildung?
Das Ganze fand im Rahmen der AWO- Ausbildung statt. Dort waren aus meiner Sicht die besten Ausbilder.

Und wie ging es weiter?
Anschließend bin ich zum sozialen Friedensdienst in Kassel gegangen und habe dort als examinierte Altenpflegerin und in der Schwerstbehindertenbetreuung gearbeitet. In diese Zeit fiel ebenfalls meine gerontopsychiatrische Ausbildung.

Wie lange ging die Ausbildung?
Sechs Monate, berufsbegleitend in Göttingen.
Und schließlich habe ich in Göttingen noch eine Ausbildung in Kinästhetik absolviert.

Was versteht man darunter?
Kinästhetik ist ein Konzept, das den Bewegungsapparat des Pflegebedürftigen motiviert und für die Pflegekräfte ein körperschonendes Arbeiten ermöglicht.

Sind Sie bis zur Gründung Ihres eigenen Pflegedienstes beim sozialen Friedensdienst geblieben?
Nein, leider nicht. Ich kam irgendwann nicht mehr mit der Philosophie des Hauses klar, nachdem dort ein weiterer Kooperationspartner eingestiegen war.

Was haben Sie dann gemacht?
Ich war in diversen anderen Einrichtungen – in Altenpflegeheimen und in ambulanten Pflegediensten – jeweils als stellvertretende Pflegedienstleiterin.
Später habe ich dann noch eine Weiterbildung zur Sterbebegleiterin absolviert.

Alle Achtung, Sie haben ja wirklich eine Menge auf dem Sektor der Weiterbildung für sich getan.
Ja, ich wollte das so. Vom 31. 08. 2001 bis zum 31.08.2003 habe ich noch eine Ausbildung absolviert.

Welche?
Ein Studium zur Gesundheits- und Sozialökonomin. Hinzukam 2004 eine einjährige Ausbildung zur Pflegedienstleitung.  Und alles selbst finanziert.
Übrigens: Kurz vor Beendigung des Studiums habe ich dann bereits das Zulassungsverfahren für meinen eigenen Pflegedienst eingeleitet.

Was war denn die Initialzündung für Sie, Ihren eigenen Weg zu gehen, sich selbstständig zu machen?
Es gab in einem Pflegeheim ein Ereignis, dass mich dazu brachte, meine eigenen Werte zu leben und in der Pflege umzusetzen.
Da war eine sterbende Patientin. Sie wurde in ein separates Zimmer geschoben, faktisch sich selbst überlassen.
Ich bin jeden Tag dorthin, ja jede freie Minute und habe mich um sie gekümmert – mit ihr gesprochen, sie getröstet, mit ihr gebetet und mir das angehört, was sie noch belastete.

Das ist doch sehr lobenswert, oder?
Eigentlich schon. Ich aber bekam  dafür eine Abmahnung.

Warum?
Weil ich zu viel Zeit mit ihr verbracht habe, angeblich. Und dadurch hätte ich mich nicht um meine eigentliche Arbeit gekümmert. Doch ich sah das anders: Das war meine eigentliche Arbeit, nämlich das, was wir für Menschen tun können – bis zum letzten Atemzug.
Kurzum: das hat bei mir den „Knall“ ausgelöst; den Impuls, den ich noch brauchte, um mich endgültig für meine Selbstständigkeit zu entscheiden.

Wie wichtig ist Ihnen die Kommunikation in der Pflege?
Sehr wichtig. Das hat bei uns einen ganz hohen Stellenwert.
Allein, wenn ich zum Patienten komme und „Guten Morgen“ sage und frage: „Wie geht es Ihnen, haben Sie gut geschlafen?“, ja dann nehme ich Anteil und der Patient kann sagen: „ Sehr gut“, oder: „Nicht so gut, mir ging es nachts nicht so gut“, und schon sind wir im Gespräch, wissen, was wir weiter tun können.
Bei jeder Handlung, die wir vornehmen, sprechen wir mit dem Patienten. Das ist einfach ganz wichtig, ihn mitzunehmen.
Manchmal telefonieren wir auch vor Ort mit dem Hausarzt und fragen, ob er vorbeikommen kann, wenn es sich als nötig erweist. Oder ich erledige auch mal den Schriftverkehr für eine Patientin. Die sind sehr dankbar dafür. Kommunikation ist der Beginn des Vertrauensaufbaus und das Fundament für eine gute Pflege.

Tauschen Sie sich auch untereinander aus?
Selbstverständlich. Wir gehen regelmäßig die einzelnen Patienten durch, reden darüber, was wichtig ist. Das sind Kernbestandteile unserer wöchentlichen Besprechungen.
Wir haben heute 13 Patienten, die von 5 Mitarbeitern gepflegt werden.
Uns ist wichtig, dass wir nicht im Akkord arbeiten, sondern uns Zeit nehmen für Gespräche, für die mobilisierende Pflege. Das stärkt das Selbstwertgefühl des Patienten. Und dazu müssen wir ständig mit den Patienten reden, sie mobilisieren und motivieren.

Frau Inan, was ist für Sie persönlich Glück?
Wenn sich ein Patient für etwas bedankt, was ich für selbstverständlich halte. Darüber freue ich mich am meisten.

Würden Sie den gleichen Weg noch einmal gehen?
Ich denke ja. Vielleicht würde ich später anfangen und vorher erst einmal Sozialwissenschaften studieren.

Warum?
Einfach, um mehr Hintergrundwissen zu erlangen. Das wiederum nützt den Pflegebedürftigen – ich kann mich besser auf die Pflegebedürftigen einstellen, auf sie eingehen und mich für sie einsetzen.

Frau Inan, ich finde gut, dass Sie das sagen. Ich kenne Sie nun schon aus vielen Gesprächen und weiß: Das, was Sie an Erfahrung besitzen, ist mehr, als nur theoretisch  erworbenes Wissen – es hat vor allem etwas mit Herzensbildung zu tun, mit dem, was wir ja unbedingt in der Pflege brauchen, oder? 
Das stimmt schon. Auf jeden Fall ist die Altenpflege mein Leben; das würde ich immer wieder so tun.
Ich sehe heute noch deutlicher, was Menschen glücklich macht.

Möchten Sie noch ein kleines Fazit ziehen?
Ja, unbedingt, nämlich, dass wir alle alt oder pflegebedürftig werden. Wir sollten deshalb so pflegen, wie wir später selbst gepflegt werden wollen.
In diesem Zusammenhang: Nächstenliebe ist für mich ein sehr großer Wert. Deswegen wollte ich Altenpflegerin werden. Wenn wir das alle zusammenleben, dann wird das Zusammenleben besser – im kleinen Kreis und ein Stückchen darüber hinaus.

Frau Inan, ich danke Ihnen für das Gespräch.

 

Das Interview erfolgte am 13/06/2016

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