Birgit Kempa

Birgit Kempa ist die Inhaberin der stationären und häuslichen Krankenpflege und Seniorenbetreuung im Raum Templin, Ostbrandenburg.

 

Was war die Initialzündung dafür als selbstständige Unternehmerin in die Pflege zu gehen?

Ich habe meinen Pflegedienst am 01.02.1991 gegründet.
Fast auf den Tag sind das jetzt 25 Jahre her.
Ich war in der Wendezeit Gemeindeschwester in Klosterwalde.
Dann wurde ich arbeitslos und es stand die Frage, was ich nun mache.
Das Angebot war, in einem paritätischen Verein weiterzuarbeiten.
Doch ich wollte mein Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Dann würde ich auf jeden Fall wissen, wer die Schuld an meinem Versagen trüge – nämlich nur ich selbst. Mein Verstand und Gefühl sagten mir vor allem dies: du hast eine gute Ausbildung als Krankenschwester, viele Jahre praktischer Erfahrung und eine echte Vertrauensbasis bei meinen damaligen Patienten.
Also überlegte ich, was ich tun könnte. Da las ich in der Zeitung von einem Existenzgründerseminar für freiberufliche Krankenschwestern.
Das stach mir sofort ins Auge. Es passte zu mir, meinem bisherigen Weg und meinen Erfahrungen. Die einzige Unbekannte: Ich musste einfach ins kalte Wasser springen. „Seile“ gab es nicht, an denen ich mich festhalten konnte. Außerdem: Sollte das eventuell schiefgehen, so konnte ich ja immer noch in meinen alten Beruf zurückkehren und zum Beispiel in einem Krankenhaus arbeiten. Also habe ich meinen Mut zusammengenommen und bin den Schritt gegangen. Ich brauchte damals eine Schreibmaschine, musste wissen, welche Verträge ich zu schließen hatte und wie der Weg zum Vertragsabschluss funktioniert, was ich an neuen rechtlichen, finanziellen und fachlichen Aspekten zu beachten hatte. 
Das klingt aus heutiger Sicht nicht so kompliziert. War es sicher auch nicht. Doch der Teufel steckt immer im Detail und ich hatte schon mächtig Angst.
Was mir zugutekam: Mein Mann hatte eine feste Arbeit. Und als Gemeindeschwester besaß ich ja einen gewissen Vertrauensvorschuss.
Übrigens: Ich war nicht die einzige Gemeindeschwester, die auf diese Gedanken kam. Auf jeden Fall habe ich einige meiner früheren Kollegen auf dem Seminar wiedergetroffen.

Worauf sind Sie besonders stolz, wenn Sie heute zurückschauen?

Das ist schwer zu sagen. Vielleicht das: Ich war immer ruhig. Besser, ich war vom Wesen her einfach ruhiger, liebte es im Stillen, meine Arbeit zu tun und für die Menschen da zu sein. Andere traten ganz anders auf; erklärten wortreich, wozu sie in der Lage wären.
Ich wusste aber:  Das was zählte, das waren nur die Ergebnisse, nicht mal die Anstrengungen auf dem Weg dorthin – bewertet wurde man nur an seinen Taten. Ich hatte mein Ziel vor Augen und bin meinen Weg beharrlich gegangen. Ich bin quasi drangeblieben.
Ich bin dankbar für den Rückhalt in der Familie, den ich stets verspürt habe.
In diese Zeit fiel auch, dass ich zwei Kinder groß zu ziehen hatte.
Ich bin sehr stolz darauf, dass ich das alles geschafft habe. Und: auf die, die mich immer unterstützt haben.

Würden

Sie sich noch einmal für diesen Weg entscheiden?

Ja, ganz sicher! Ich habe es nie bereut. Schauen Sie: Ich habe allein angefangen und heute bringen uns viele Menschen ihr Vertrauen entgegen. Sie kommen zu uns, wenn es um die Pflege geht.
Ich denke auch: Erfolg macht einen stark. Misserfolg gehört dazu. Aber der Erfolg motiviert am meisten. Er treibt mich an. Das braucht wohl jeder Mensch. Und ich meine mit Erfolg nicht einmal an erster Stelle das Geld – sondern den Kontakt mit den Menschen – das Gefühl von den Pflegebedürftigen und Angehörigen gebraucht zu werden.

Was glauben Sie, sagen Ihre Mitarbeiter über Sie als Chefin?

Wer weiß das schon ganz genau. Wenn Sie es im Detail wissen wollen, bleibt Ihnen nur, meine Mitarbeiter zu fragen.
 Manchmal denke ich schon: Bist du beliebt? Sehen alle, wie du um bestimmte Dinge kämpfen musst, damit sie letztlich den Mitarbeitern zugutekommen? 
Dieser oder jener wird sagen, dass ich kühl bin.
 Aber die Mehrheit denkt: Wir wissen, woran wir sind mit unserer Chefin.
 Das glaube ich schon, dass sie so denken.
 Ich kann im Gehalt nicht immer mit den ganz Großen am Markt mithalten.
 Aber Geld ist wirklich nicht alles. Das sind keine Sprüche. Die Mitarbeiter sagen es inzwischen selbst. Denn: Es gehören noch andere, wichtige Dinge dazu, die die Zufriedenheit steuern, die Lebens- und Berufsqualität des Einzelnen ausmachen. Zum Beispiel: die Planungen so zu gestalten, dass Familie und Beruf zusammenpassen, die Urlaubszeiten nach Möglichkeit so zu legen, wie es sich die Mitarbeiter wünschen. Natürlich weiß ich: Das klappt nicht immer. Und noch eins: Wenn es bei jemandem „brennt“, es Probleme gibt, dann kommt er zu mir. Oder ich spreche denjenigen selbst an, ob alles in Ordnung ist.
Ich versuche so zu führen, dass sich jeder im Team gleichbehandelt fühlt.
 Und wenn jemand mal mit einem nicht so gut gelaunten Gesichtsausdruck umherläuft, dann wäre es unehrlich, würde ich sagen: Das stört mich aber nicht.
Doch, es stört mich schon. Allerdings kann ich damit persönlich ganz gut umgehen. Ich habe jedoch eine Führungsverantwortung für das Team und unsere Patienten. Deshalb achte ich darauf, dass wir ein gutes Klima untereinander pflegen. Schließlich bleibt den Pflege- und Hilfsbedürftigen die Art, wie wir miteinander umgehen, nicht verborgen. Wenn wir gut miteinander kommunizieren, überwiegend Spaß an der Arbeit haben – ja dann überträgt sich das natürlich auf unsere Beziehungen zu den Patienten. Und deshalb ist mir die Teamatmosphäre so wichtig. Außerdem: Wir verbringen ein gerüttelt Maß an Zeit in der Pflege und Betreuung. Deshalb liegt es mir ebenfalls am Herzen, dass meine Mitarbeiter gern zur Arbeit kommen. Fühlen sie sich wohl, ernstgenommen und sind sie motiviert – ja dann finden sie auch die nötige Kraft für die Bewältigung  unserer  nicht immer leichten Aufgaben.

Wo sehen Sie die Gründe für den mitunter schlechten Ruf der Pflegedienste in der Öffentlichkeit?
Da gibt es sicher viele Gründe. Ich kenne sie beileibe nicht alle.
Ich muss auch sagen: Ich kann ja nur von dem Bild ausgehen, was wir hier in Templin und Umgebung abgeben. Also unser kleiner „Mikrokosmos“ –  aber für die Pflege und Betreuung der Menschen, die hier leben, ganz wichtig.
Manches rührt sicher aus den Anfangszeiten. Damals wurden wir oft als diejenigen gesehen, die die Windeln bei den alten Leuten wechseln.
Ich persönlich glaube, dieses Bild hat sich schon gewandelt.
Ich sehe, dass die Leute uns schon um Rat fragen. Und das sind auf keinen Fall alles Menschen, die später ihre Angehörigen zu uns schicken.
Ich denke: Wer gut berät, sich wirklich als „Kümmerer“ erweist, der trägt zu dem guten Bild bei, dass zu einem Pflegedienst gehört. Es ist ja unsere Währung, mit der wir Vertrauen erzeugen.

Sie stützen sich in Ihrer Firmenkonzeption auf drei Säulen:
Häusliche Krankenpflege, Pflegeheim, Tagespflege – ist das nicht ein bisschen viel?
Naja, das hat sich ja alles entwickelt. Denken Sie an meine Antwort zu Beginn. Ich habe allein angefangen. Erst mit den Jahren habe ich gesehen, was es für einen Bedarf gibt. Die Maßgabe, ambulant vor stationär zu pflegen und zu betreuen, die hat sich erst so richtig in den letzten Jahren durchgesetzt. Das bedeutete also, die Alternativen zur stationären Variante auszubauen.

Können Sie das verdeutlichen?
Ja. Heute sagen wir zum Beispiel: Nicht allein und nicht ins Heim – natürlich da, wo es machbar ist. Das bedeutet also, die Tagespflege ganz anders auszubauen. Wir können heute dadurch Menschen mit eingeschränkter Alltagskompetenz viel länger in ihrem eigenen häuslichen Umfeld betreuen. Indem sie sich stundenweise in der Tagespflege aufhalten, entlasten wir ja nicht nur die Angehörigen, wir geben den Senioren eine Struktur für den Alltag, sorgen dafür, dass sie nicht vereinsamen.

Das bedeutet aber eine Menge Aufwand an Zeit, Personal, Managementaufgaben und inhaltlich – konzeptioneller Arbeit, oder?
Selbstverständlich. Das macht sich nicht von allein. Da steckt viel Arbeit dahinter. Aber so ist nun mal. Wenn wir im nächsten Jahr einen anderen Pflegebedürftigkeitsbegriff haben, dann ist die gesetzliche Verankerung das eine. Dann geht aber die Arbeit erst einmal los.

Was meinen Sie genau?
Also, das klingt doch gut, wenn wir von individueller Pflegebedürftigkeit sprechen. Substanz bekommt das aber alles nur dann, wenn wir uns wirklich um jeden einzelnen intensiv kümmern, wissen, was ihn besonders macht, wo seine Wünsche und Bedürfnisse in der Pflege und Betreuung liegen.
Schließlich wollen wir die Qualität des Lebens desjenigen, den wir betreuen möglichst erhalten.

Ein großes Wort:
Nicht nur ein großes Wort. Eine große Arbeit. Eine Arbeit, die viel Spaß macht.
So gelingt es uns auch diese Herausforderungen auf den Alltag zurückzuführen und ihnen faktisch ein Gesicht zu geben. Ein Gesicht, das auch mal ein Lächeln eines Pflegebedürftigen zeigt.

Wie schaffen Sie das alles?
Ich habe gelernt, mit den Jahren Verantwortung abzugeben, Führungskräfte heranzuziehen.
Natürlich ertappe ich mich dabei, immer wieder zu stark in einzelne Bereiche hineinzugehen. 
Ich will ja wissen, was in meinem „Laden“ los ist.
 Mitunter denke ich sogar über weitere Projekte nach.
 Doch dann überlege ich wiederum: Sollte ich nicht das noch mehr  stärken,  was ich mühevoll aufgebaut habe? Ich meine, einfach die Qualität des täglichen Pflege- und Betreuungsprozesses stärken? Aber da bin ich noch nicht am Ende mit meinen Gedanken. Kontinuität wahren, Neues nicht aus dem Blick verlieren – das treibt mich schon um.
Auf jeden Fall: Die Pflege hat mich geprägt. Ich identifiziere mich sehr stark mit alledem. Ich habe nicht auf alle Fragen eine Antwort, weiß nicht, wie es in einigen Jahren sein wird.
Aber: Ich fühle mich angekommen, habe meine Bestimmung gefunden. Das macht schon zufrieden, ja sogar glücklich. Wir bleiben ja gerade dadurch wach für die neuen Herausforderungen, die zweifelsohne in den nächsten Jahren kommen.

Frau Kempa, vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview erfolgte am 18/02/2016

Stationäre und Häusliche Krankenpflege und Seniorenbetreuung
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