Bärbel Nickels

Bärbel Nickels ist eine der drei Inhaberinnen des Palliativpflegedienstes Kaiserpflege in Wedel.

 

Wie verlief Ihr beruflicher Werdegang vor der Gründung des Pflegedienstes?
Ich bin in Wedel geboren und in Holm aufgewachsen. Das ist hier meine Heimat. Ich habe zunächst Floristin gelernt und später in der Montage gearbeitet. Mir liegt das Handwerkliche. 1996 war ich in einem Unternehmen, das Schriften herstellte. Doch dann kam immer mehr das Grafik-Design am Computer auf und ich wurde arbeitslos. In dieser Zeit bekam ich zum ersten Mal mit der Pflege in Berührung. Mein Großvater war dement. Und meine Großmutter erlitt einen Oberschenkel-Halsbruch. Ich habe beide gepflegt. Ich lernte zu dieser Zeit eine Krankenschwester kennen, die sah, wie ich mich um meine Großeltern kümmerte. Sie fragte mich, warum ich nicht in die Pflege ginge.
Und so begann ich wenig später als Pflegehelferin in Pinneberg.
Parallel habe ich die Ausbildung absolviert; immer abends von 19.00 bis 21.00 Uhr. Daran schloss sich ein Praktikum von vier Wochen an. In dem Pflegedienst, indem das Praktikum stattfand, habe ich dann auch gearbeitet.

Wie lange?    
15 Jahre.

Und was passierte dann?
Die Chefin des Pflegedienstes ging in Rente. Ich fühlte mich nicht mehr wohl in dem Pflegedienst.
Danach bin ich zum DRK gegangen. Das war 2010. Dort lernte ich auch Frau Kaiser kennen. Sie war die stellvertretende Pflegedienstleiterin.
Es war kurios, wie es losging.

Was meinen Sie?
Ich war am ersten Tag allein unterwegs. Und schon hatte ich einen platten Reifen am Auto. Ich erinnere mich genau. Das passierte an der Post. Die Männer standen herum und schauten zu. Keiner bequemte sich, mir zu helfen. Ich rief meine Chefin an – Frau Kross und bat darum, den Hausmeister zu schicken, damit das Rad gewechselt wurde. Mir dauerte das aber alles viel zu lange. Ich legte selbst Hand an. Einen der umstehenden Männer bat ich, das Rad anzuheben, wenn ich die Schrauben gelockert hatte. Nach einigem Zögern tat er das auch und ich konnte den Ersatzreifen aufziehen. Ich rief Frau Kross an und teilte ihr mit, dass der Hausmeister nicht mehr zu kommen brauchte.
Frau Kross war so begeistert über meine Einsatzbereitschaft, dass sie mir die Probezeit erließ.
2012 habe ich die Ausbildung zur Altenpflegerin begonnen. Erst  kam das sogenannte kleine Examen – zum Ende des Jahres. Im Februar 2014 bestand ich die weiteren zwei großen Staatsexamen.
Ich habe gleich weitergemacht: Von Februar bis Mai 2014 absolvierte ich die Palliativausbildung.

Wie ging es weiter?
Im Juli 2014 hatte ich großes Pech: ein schwerer Unfall. Ich wollte eine Patientin, die bettlägerig war, hochheben. Sie litt unter Parkinson. Plötzlich sagte sie, sie schaffe es nicht und hängte sich mit ihrem ganzen Gewicht an mich – ein Deckenplattenbruch war die Folge. Ich mußte zwei Monate ein Gestell tragen, konnte nicht aufstehen.
Ich war völlig verzweifelt. Die Berufsgenossenschaft meinte, ich könne nicht mehr in meinem Beruf arbeiten. Doch ich habe nicht aufgegeben – ich habe alles mitgemacht: Reha-Maßnahmen, Gymnastik und vor allem war da der eiserne Wille, es zu schaffen.
Dabei hatte ich noch großes Glück. Der Arzt, bei dem ich zunächst in Behandlung war meinte, das sei eine völlig normale Geschichte bei Pflegekräften. Erst als der Rücken immer mehr schmerzte, wurde die wahre Ursache diagnostiziert. Ich hatte wohl Glück im Unglück: ein Stückchen weiter und ich wäre im Rollstuhl gelandet.
Als ich allmählich wieder auf die Beine kam, entwickelte sich die Idee, ein eigenständiges Pflegeunternehmen zu gründen. Ich sprach darüber sehr oft zum Beispiel mit Simone Kaiser, meiner heutigen Geschäftspartnerin.

Was war denn die eigentliche Initialzündung dafür, in die Selbstständigkeit zu gehen? 
Wie gesagt, der Unfall brachte mich dazu, darüber nachzudenken, was mir wichtig ist im Leben. Und mir war die Pflege wichtig. Aber ich wollte sie so gestalten können, wie ich es mir vorstellte. Wir hatten  zum Beispiel einen Chef, der uns sehr viel bevormundete, obwohl er selbst gar nicht eine Pflegeausbildung hatte.

Worin bevormundete er Sie denn?
Er beanstandete zum Beispiel, wenn wir uns zu lange bei einem Patienten aufhielten, vielleicht mal ein Wort mehr mit ihm sprachen.
Dabei ist das so wichtig, sich Zeit zu nehmen für den Einzelnen.
Wir fingen also an, uns zu unterhalten, wie ein eigener Pflegedienst aussehen sollte.

Wer ist wir?
Simone Kaiser, Carmen Luplow und ich. Auf jeden Fall: Wir wollten den Pflegedienst kleinhalten. Ein kleines Team – eng miteinander verbunden, fachlich, sozial, emotional.

Was meinen Sie mit emotional?
Ich glaube, man muss sich mögen, wenn die Zusammenarbeit funktionieren soll. Und es muss auch so zugehen, dass jeder seine Meinung sagen kann, ohne dass es ihm gleich verübelt wird.
Wirklich der sein, der man ist – das ist für mich sehr wichtig.
Mir ist auch daran gelegen, dass wir nicht zu groß werden.
Im kleinen Team kann man miteinander besser umgehen, intensiver die Probleme besprechen, die Stärken aufeinander abstimmen.
Noch einmal zurück zur Initialzündung, zur zeitlichen Komponente: Ich war bis zum 31. März 2015 in der Reha – Klinik in Bergedorf. Am 02. April war die Eröffnung. Ich kam auf den letzten Drücker sozusagen zur Eröffnungsfeier. Aber es hat alles geklappt. Und heute bin ich froh, dass ich diesen Weg gegangen bin.

Was ist Ihnen am Anfang leicht gefallen und wo hatten Sie Schwierigkeiten, hineinzuwachsen?
Das was neu ist, braucht natürlich seine Zeit. Es gab vieles zu lernen – den Büroablauf zu organisieren, die Dokumentation richtig führen. Da hat auch jeder seine Stärken.

Wo sind Ihre Stärken?
Ich bin ruhig und ausgeglichen. Ich habe von Haus ein Talent zu spüren, wenn im Büro etwas nicht stimmt, die Atmosphäre zu kippen droht. Da kann ich vermitteln und die Dinge im Lot halten, wie man so schön bei uns sagt.
Jeder geht ja auch anderes mit Stress um. Wichtig ist, jedem den Raum für die Entfaltung seiner Individualität zu geben – ich denke, das ist auch eine Stärke.
Meine Stärken liegen auf jeden Fall darin, zu erspüren, was Menschen wollen, sie wirklich dort abzuholen, wo sie sich aufhalten – emotional und rational. Das liegt sicher mit daran, dass ich hier aufgewachsen bin,  ich die Leute kenne und die Menschen mich kennen. Das erleichtert so manches Gespräch, besonders in den Anfangszeiten.
Ich schaue auch im Haus, was den konkreten Patienten ausmacht – zum Beispiel, wenn er Eulen sammelt. Dann gehe ich natürlich darauf ein. So wächst allmählich das Vertrauen, die Leute fühlen sich verstanden und sie können sich auf uns einlassen, wissen, dass sie nicht allein sind, selbst in den schwersten Stunden ihres Lebens.

Wie gehen Sie damit um, dass Mensch vielleicht nur noch ein paar Wochen zu leben hat?
Das Wichtigste ist: Jeder, wirklich jeder Patient ist verschieden – in der Art, wie er damit umgeht, was ihn noch umtreibt, worüber er sprechen möchte.
Das ist schon eine Kunst, sich mit der nötigen Empathie dort hineinzubegeben. Das macht aber auf der anderen Seite den Reichtum unseres Tuns aus. Wir erfahren viel, können viel geben und werden quasi selbst beschenkt von diesen Menschen.

Gibt es ein Erlebnis, woran Sie sich in letzter Zeit gern erinnern?
Ja. Wir haben einen Patienten, der seinen 59. Hochzeitstag feierte. Ich habe 59 Rosen besorgt und sie dem Ehepaar geschenkt. Und was ganz besonders ankam: Ich habe die Blumen in Pastellfarben ausgesucht –  das ist mir intuitiv eingefallen. Die Wohnungseinrichtung war in diesem Farbton gehalten und ich hatte mir das gemerkt.
„Das sind genau meine Farben“, reagierte die Ehefrau darauf und war sehr gerührt. Beiden hätte ich kein schöneres Geschenk machen können. Das ist eben das Besondere an unserer Arbeit: Du spürst sofort die Dankbarkeit, die dir entgegengebracht wird.

Ist das eine Stärke von Ihnen, aufmerksam zu sein?    
Ich glaube ja. Das ist mir sehr wichtig, und: meinen Patienten natürlich auch.

Was zeichnet Ihr Team aus?
Wir können uns aufeinander verlassen – zu 200%! Und: Mein Team nimmt mich so – wie ich bin. Ich muss mich nicht verbiegen.
Mir ist wichtig, dass wir alles besprechen können; dass wir es direkt ansprechen und nicht hinter dem Rücken. Ich denke, darauf kommt es an. Wir halten untereinander Kritik aus, diskutieren die Dinge und arbeiten weiter. Ansonsten gibt jeder von uns alles – da, wo seine Stärken liegen.

Übrigens: Wir sitzen auch gern mal privat zusammen. Unsere Ehemänner sind dann oft ebenfalls dabei.
Was unternehmen Sie gemeinsam? Wir feiern gern, trinken ein Glas Wein oder auch zwei, sprechen über andere Themen, als die der Arbeit. Wir waren schon im Theater und zu anderen Events. Der Zusammenhalt wird dadurch sehr gestärkt. Und: unsere Männer kennen sich dadurch untereinander sehr gut, erleben hautnah mit, wie gut wir uns verstehen.

Was verstehen Sie unter individueller Kommunikation mit Patienten?
Zunächst: Wir im Team tauschen uns sehr eng aus. Bei einer Neuaufnahme werden alle Informationen an die einzelnen Mitarbeiter weitergegeben.
Wir sind dadurch alle gleichermaßen auf der Höhe des Wissensstandes; jeder kennt den Patienten. Wir tauschen uns täglich aus – damit hier keine Informationen verloren gehen.
Das merken die Patienten auch.

Wie?
Wenn mir ein Patient etwas sagt, was ihm wichtig ist und ich habe zum Beispiel am nächsten Tag frei, dann wird das, was vereinbart wurde trotzdem für ihn umgesetzt. Und zwar von der Teamkollegin, die an dem Tag beim Patienten ist.
Wir tauschen uns wirklich immer zeitnah aus, damit nichts von dem, was wir mit dem Patienten vereinbart haben, auf der Strecke bleibt, womöglich einfach vergessen wird.
Wir finden stets Wege, miteinander zu kommunizieren; selbst wenn es mal eine kurze SMS ist, weil sich jemand im Urlaub befindet.
Mir ist wichtig, dass die Patienten in uns einen echten Ansprechpartner haben – nicht nur einen, der irgendwelche Worthülsen von sich gibt.
Das bedeutet: sich mit der Biographie des Menschen beschäftigen, herausfinden, was ihm wichtig im Gespräch ist.
Manchmal ist das Gespräch doch noch die einzige Freude, die mitunter schwerkranke Patienten haben.
Ich verstehe mich da als „Seelenklempner“ in der positiven Bedeutung dieses Wortes. Und wenn sie gar nicht mehr sprechen können, dann finden wir andere Wege, um uns zu verständigen. Es kann ja sein, jemand verträgt keine kratzende Wolle am Körper – das müssen wir herausbekommen;
oder es gibt eine Unverträglichkeit für Milch.
Wir nutzen also alle Möglichkeiten – Informationen vom Arzt, Gespräche mit den Angehörigen oder engen Freunden.
Das Entscheidende ist: Man muss sich kümmern wollen, mit demjenigen kommunizieren wollen, dann geht das auch. Selbst ein Blick, eine Geste können wichtige Hinweise für uns sein, ob wir alles richtig machen oder ob etwas verändert werden muss.

Was ist für Sie persönliches Glück?
Ich habe 2006 meinen Mann gefunden – das ist mein größtes Glück. Er ist sehr verständnisvoll, fragt nicht, wenn ich nachts los muss – keine Eifersucht, keine Vorhaltungen.
Bin ich mal traurig, dann gibt es jemanden an meiner Seite, an den ich mich anlehnen kann. Das ist schon toll.
Wir wohnen in Heist – einem Vorort von Wedel. Ich bin sehr gern in meinem Garten – da kann ich alles vergessen und bin glücklich.
Mein Glück ist meine Tochter Julia. Sie ist verlobt, arbeitet im Einzelhandel, und sie liebt Tiere sehr. All das macht mich stolz und glücklich.
Mein Mann und ich fahren regelmäßig in die Sauna, samstagnachmittags. Ich lass mir Massagen geben – auch das ist ein Bestandteil meines kleinen Glücks.
Aber wir gehen auch gern tanzen. Wir sind sogar in einem Fan – Club  der Gruppe „Just for fun“ – reisen mit ihnen zum Teil mit.
Am Sonntag, den 05.06.2016 beginnt 03.00 Uhr in der Hamburger Auktionshalle ein Konzert – das geht dann in den Tag hinein. Darauf freuen wir uns schon.
Es sind eigentlich stets die kleinen Dinge, die einem die nachhaltigste Freude bereiten.

Zum Beispiel?
Wenn wir morgens auf der Veranda sitzen, die Sonne geht auf und wir sehen kleine Lämmchen oder Kühe auf der Wiese vor unserem Haus.
Meine Tätigkeit hat mich zur Einsicht gebracht, so zu leben, als wäre der aktuelle Tag der letzte in meinem Leben. Das heißt, wenn es irgendwie geht, genieße ich zum Beispiel mit meinem Mann noch ein paar schöne Stunden. Ich glaube, das ist eine Einsicht, die einen letztlich wiederum glücklich macht und mich stärkt für das, was ich meinen Patienten an
positiver Energie weitergeben kann.

Frau Nickels, ich danke Ihnen für das Gespräch.

 

Das Interview erfolgte am 19/05/2016

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