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Antje Beer

Inhaberin und Pflegedienstleiterin des ambulanten Pflegedienstes
Pflege und Dienst Antje Beer in Bad Kissingen.
Außerdem: Inhaberin des Patientenhotels Zeiträume in 97720 Nüdlingen.

 

Wie verlief Ihr beruflicher Werdegang vor der Gründung des Pflegedienstes?
Ich habe nach dem Abitur eine Ausbildung zur Krankenschwester absolviert – von 1985 bis 1987. Und: mit „sehr gut“ bestanden.
Ich bin durch Praktika darauf gekommen, in die Medizin zu gehen. Zuerst war ich im damaligen Theresien-Krankenhaus und habe mir vor allem den Bereich der Inneren Medizin angeschaut. Später habe ich ein weiteres Praktikum gemacht – im St. Elisabeth – Krankenhaus in Bad Kissingen.
Dort war ich dann auch 11 Jahre tätig – nach dem Examen zur Krankenschwester.
Zunächst war ich auf der Kinder – und der HNO – Station. Mein Wunsch war es, in der Urologie zu arbeiten. Also bin ich dorthin gewechselt. Auf dem gleichen Stockwerk befand sich die Gynäkologie, die ebenfalls zu meinem Arbeitsbereich gehörte. Zum Schluss war ich auf der Station der Inneren Medizin tätig.

Was haben Sie für Erfahrungen aus diesen Jahren mitgenommen?
Sehr viele Erfahrungen – fachlich und menschlich. Ich habe damals sehr viel in Nachtschichten gearbeitet. Das war ein intensiver Lernprozess.

Warum?    
Weil ich auf mich allein gestellt war und sehr flexibel agieren musste. Ich wollte nicht wegen Sache einen Arzt konsultieren, wenn ich die Entscheidung selber treffen durfte und konnte.

Also schon Ansätze einer Unternehmerin?
Wenn Sie so wollen, ja.

Frau Beer, haben Sie Kinder?
Ja, drei. Meine Tochter Maraike ist 1989 geboren, mein Sohn Valentin 1993 und die Jüngste ist 2002 auf die Welt gekommen.
Maraike arbeitet in Würzburg als Krankenschwester auf einer Station, wo Leukämie – Patienten behandelt werden. Sie will später Medizin studieren. Mein Sohn hat nach dem Abitur noch seinen Weg gesucht. Er hat mit einem Informatikstudium begonnen und ist dann zur Japanologie gewechselt. Er wird übrigens in Kürze heiraten, eine Japanerin.
Zurzeit bereitet er sich darauf vor, im gehobenen Dienst bei der Polizei zu arbeiten. Die Kleinste ist auf einem Privatgymnasium, das den Fokus auf die Montessori – Pädagogik richtet. Sie interessiert sich sehr für Tiere und hat Zuhause Meerschweinchen. Nach dem Abitur will sie Tiermedizin studieren.

Wie haben Sie das alles geschafft unter einen Hut zu bekommen – Erziehung, Nachtschicht und Weiterbildung?
Zum Glück nahm mein damaliger Mann Erziehungsurlaub. Dadurch war ich nicht lange aus dem Beruf raus.

Sie haben eine Reihe von Tieren in der Familie. Woher kommt das?
Ja, das stimmt. Ich selbst freue mich sehr zu Tieren und glaube, dass sie wichtig sind in der Erziehung.
Zum Beispiel haben wir einen Dackel, der uns viel Freude bringt. Das ist ein Tigerdackel. Er kommt aus dem Spreewald.
Und: Wir haben einen besonderen Vogel – einen Beo. Der heißt Hugo. Ein sehr sprachbegabter Vogel. Hugo ist der Star in der Tagespflege. Er pfeift „Hänschen klein“ und singt mit, wenn die Senioren singen.
Wir haben auch eine Katze. Unsere Amelie ist eine Savannah – Katze. Sie stammt von einer afrikanischen Serval-Wildkatze ab. Sie steht etwas höher auf den Beinen.
In der Rhön stehen noch ein Esel, ein Muli und zwei Ziegen. Ich suche gerade in Bad Kissingen eine geeignete Unterkunft für sie. Ich habe da immer neue Ideen.

Was meinen Sie?
Zum Beispiel will ich ein „Eseltrekking“ für Senioren organisieren. Die Ziegen habe ich angeschafft, weil ich mal an Volkshochschulen Kurse „Käse selbstgemacht“ gegeben habe. Das will ich fortführen.

Wie ging es in Ihrer beruflichen Entwicklung weiter?
Während meiner Tätigkeit im Krankenhaus habe ich gemerkt, dass ich neue Herausforderungen annehmen musste.

Warum?
Ich wollte mich ganzheitlich um die Patienten kümmern – im wahrsten Sinne des Wortes.
Es ging mir darum, mehr Zeit für die Patienten zu haben und nicht der Hektik und dem Stress zuliebe Abstriche an der Betreuung der Patienten zu machen.
Ich erinnere mich an die Worte einer Ordensschwester: „Eine Schwester rennt nicht, sie schreitet!“

Was soll uns das sagen?
Nun, eine Krankenschwester soll auf dem Gang Ruhe stiften, sich Zeit nehmen für den Menschen, in seiner ganzen Person und Persönlichkeit wahrnehmen.
Zurück zum nächsten Schritt: Ich wechselte zunächst in einen privaten ambulanten Pflegedienst. Dort habe ich berufsbegleitend eine Ausbildung zur Pflegedienstleitung absolviert. Das war im Jahr 2006.
Anschließend war ich in der Einrichtung auch als Pflegedienstleiterin tätig.
In mir reifte der zu der Zeit aber schon der Entschluss, mich selbstständig zu machen.
Mir gefiel der Druck der Inhaberin auf die Mitarbeiter in dem Pflegedienst nicht.

Was meinen Sie mit Druck?
Im Prinzip war es die gesamte Betriebsphilosophie, die mir nicht zusagte: unter anderen der Umgang mit den Mitarbeitern und den Angehörigen.
Die Mitarbeiter durften zum Beispiel keine Gespräche führen, weil das von der Zeit abging, die abgerechnet werden konnte. Ich bin ja selbst mit raus gefahren und habe meine Gespräche als Pause eingetragen.
Stellen Sie sich mal vor: Sie kommen über Wochen und Monate in die Familie. Faktisch werden Sie ja ein Familienmitglied. Da muss man einfach reden und zuhören. Das ist ja nicht nur für die Pflege wichtig. Es ist auch einfach menschlich.
2007 bin ich dann den Schritt gegangen und habe meinen eigenen Pflegedienst gegründet – genau am 01. März 2007.

Was war die Initialzündung dafür als selbstständige Unternehmerin in die Pflege zu gehen?
Ich konnte endlich meiner Betriebsphilosophie folgen. Ich war nicht mehr „Mädchen für alles.“
Ich musste mich nicht mehr einer Diktion unterwerfen, die da lautete: Es zählen nur die abgerechneten Minuten.

Was ist Ihnen am Anfang am leichtesten gefallen und wo hatten Sie Schwierigkeiten, hineinzuwachsen?

Was mir leicht fiel, das war der Kontakt zu meinen Kunden. Ich hatte keinen Zeitdruck mehr. Ich konnte mich intensiv um sie kümmern.
Schwer gefallen ist mir, das Ganze finanziell zu schultern. Ich hatte 5 Familienmitglieder zu ernähren.
Am Anfang war kein Patient da. Trotzdem musste ich eine Mitarbeiterin ganztags einstellen und bezahlen. Nach acht Tagen kam endlich der erste Patient.

Was macht Ihrer Meinung nach ein starkes Team aus?

Dass man sich untereinander hilft. Im Team sollte der eine für den anderen da sein. Keiner sollte sich höhergestellt fühlen. Es gibt nur unterschiedliche Verantwortlichkeiten.
Wichtig ist mir zum Beispiel, dass die Mitarbeiter untereinander intensiv miteinander reden. Nicht gleich zur Chefin kommen, sondern sich selbst mit den Dingen auseinandersetzen, eigene Lösungen entwickeln – das ist wichtig für ein kreatives Teamklima.
Was ich nicht mag ist, wenn jemand zu mir kommt, keinen Termin hat und sofort eine Lösung will.

Aber gibt es da nicht Situationen, in denen die Chefin gefragt ist?

Natürlich, ohne Zweifel ist das so. Und dann bin ich auch sofort für die Mitarbeiter und die Lösung des Problems da.
Mit geht es nur darum, dass sich jeder mitverantwortlich fühlt und nicht gleich alles von sich abzuwälzen versucht bzw. sofort seinem Unmut Luft machen will. Im Grunde genommen geht es mir doch darum, meine Mitarbeiter zu befähigen, selbstständig Probleme zu erkennen und zumindest Lösungsansätze zu entwickeln.

Wo sehen Sie die Gründe für den mitunter schlechten Ruf von  Pflegediensten in der Öffentlichkeit?
Was hat sich geändert seit der Gründung Ihres Pflegedienstes in 2007?
Die größte Veränderung ist: Wir haben eine hohe Nachfrage, aber keine Pflegekräfte, die ausreichend qualifiziert sind.
Mein Eindruck ist manchmal, es gehen Leute in die Pflege, die es eigentlich gar nicht so richtig wollen.
Das ist verheerend für die Pflegebedürftigen.

Wie meinen Sie das?
Stellen Sie sich mal eine ältere pflegebedürftige Frau vor. Sie sitzt im Bad, nackt. Jetzt kommt eine Mitarbeiterin, die sie waschen soll. Am Anfang ist das für beide Seiten ein Gewöhnungsprozess. Und nach 14 Tagen ist diese Mitarbeiterin aber nicht mehr da. Eine neue kommt.
Und wieder geht der sensible Prozess von vorn los.
Würde Ihnen das gefallen, wenn das Ihre Mutter wäre, die es betrifft?

Nein, sicher nicht.
Ich knüpfe hier an und würde gern wissen, was für eine individuelle Pflege ausmacht?
Ich glaube, es ist wichtig nicht nur über Ganzheitlichkeit zu reden, sondern sie auch zu leben.
Also nicht nur wissen, wie man Kompressionsstrümpfe anzieht.

Sondern?

Jeder Patient ist unterschiedlich. Sein Krankheitsverlauf auch. Also spielt die Krankenbeobachtung eine ganz wichtige Rolle. Darauf dann flexibel zu reagieren, das ist für mich zum Beispiel ein wichtiger Aspekt.
Regelmäßig mit den Angehörigen zu reden, sie zu fragen, wo man helfen kann, das ist ein weiterer wichtiger Aspekt.
Was hat sich geändert gegenüber 1996, wenn Sie heute die Pflege und Betreuung ansehen?

Welche Rolle spielt für Sie die individuelle Beratung?

Oh, das ist für mich ein Steckenpferd.
Ich bin Pflegeberaterin nach § 7a SGB XI, Beraterin für generationsgerechte Assistenzsysteme, Hygienebeauftragte und für das Interne Case Management ausgebildet. Und ich bin unabhängige Gutachterin.
Im April dieses Jahres schließe ich die Weiterbildung zur Pflegesachverständigen mit einer Prüfung ab.

Das ist eine ganze Menge an zusätzlichen Berufsbezeichnungen.
Wozu nehmen Sie das alles auf sich?

Weil wir nicht über Qualität in der Beratung reden können, wenn nicht die eigene Qualifikation dazu befähigt, den tatsächlichen Informations- und Beratungsbedarf zu identifizieren.

Frau Beer, eine abschließende Frage: Was ist für Sie persönlich Glück?
Das ist ein weites Feld. Für mich ist persönlich Glück, aus Schicksalsschlägen etwas Positives gemacht zu haben.
Niemals aufgeben und den Weg zum Ziel als etwas zu empfinden, was Spaß.  macht.



Frau Beer, vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview erfolgte am 08/03/2016

Pflege und Dienst Antje Beer
Am Schloßberg 15
97688 Bad Kissingen
Telefon: 0971 – 699 35 396
Mobil:    0160 – 949 79 589
E-Mail:  antje.c.beer@gmail.com